EDDA-Chroniken · Kapitel 1
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Völuspá – Die Prophezeiung der Seherin
Bevor es Menschen gab.
Bevor Thor seinen Hammer erhob.
Bevor Odin auf seinem Thron saß.
Bevor Yggdrasil seine gewaltigen Wurzeln durch die Welten trieb.
War da – nichts.
Kein Himmel.
Keine Erde.
Kein Meer.
Nur eine gewaltige, formlose Leere zwischen Feuer und Eis.
Ginnungagap.
Und irgendwo jenseits dieser Leere begann eine Geschichte, deren Ende bereits geschrieben war.
Die Geschichte der Götter.
Eine Stimme aus einer anderen Zeit
Die Völuspá, die „Weissagung der Seherin“, gehört zu den bedeutendsten Texten der Lieder-Edda.
Ihre Geschichte beginnt jedoch nicht mit Odin.
Sie beginnt mit einer Frau.
Einer Völva – einer Seherin.
Odin selbst sucht ihr Wissen. Denn obwohl er der Gott der Weisheit ist, reicht ihm niemals das Wissen, das er bereits besitzt.
Er will mehr.
Er will wissen, woher die Welt gekommen ist.
Und vor allem:
Wie sie enden wird.
Die Seherin erinnert sich an eine Zeit weit vor den Menschen. Sie kennt die uralten Riesen und die Anfänge der Welt.
Und dann beginnt sie zu erzählen.
Ginnungagap
Am Anfang existierten zwei gewaltige Gegensätze.
Im Norden lag Niflheim, eine Welt aus Kälte, Nebel und Eis.
Im Süden lag Muspelheim, die Welt des Feuers.
Zwischen ihnen erstreckte sich Ginnungagap.
Die große Leere.
Doch irgendwann trafen Kälte und Hitze aufeinander.
Eis begann zu schmelzen.
Tropfen entstanden.
Und aus ihnen erwuchs ein Wesen.
Ymir.
Der Urriese.
Mit ihm begann das Geschlecht der Reifriesen.
Doch Ymir war nicht allein.
Aus dem schmelzenden Eis entstand außerdem die gewaltige Kuh Auðhumla. Aus ihren Eutern flossen Ströme von Milch, von denen Ymir sich ernährte.
Auðhumla selbst leckte an den salzigen Eisblöcken.
Am ersten Tag erschien Haar.
Am zweiten ein Kopf.
Am dritten ein vollständiger Mann.
Sein Name war Búri.
Und aus seiner Linie sollten schließlich drei Brüder hervorgehen:
Odin. Vili. Vé.
Der Tod Ymirs
Die junge Welt brauchte Ordnung.
Und diese Ordnung sollte aus Gewalt entstehen.
Odin und seine Brüder erschlugen Ymir.
Aus seinem gewaltigen Körper erschufen sie die Welt.
Aus seinem Fleisch wurde die Erde.
Aus seinem Blut entstanden die Meere.
Aus seinen Knochen wurden Berge.
Aus seinen Zähnen und zerbrochenen Knochen entstanden Steine.
Und aus seinem Schädel formten die Götter den Himmel.
Die Welt, auf der später die Menschen leben sollten, war aus dem Körper eines toten Riesen geschaffen worden.
Midgard war geboren.
Doch noch fehlten seine Bewohner.
Ask und Embla
Eines Tages fanden die Götter zwei Baumstämme am Ufer.
Aus ihnen erschufen sie die ersten Menschen.
Ask und Embla.
Die Götter gaben ihnen Leben, Geist und Sinne.
Und Midgard wurde ihre Heimat.
Zum Schutz der Menschen errichteten die Götter eine Grenze gegen die Mächte außerhalb ihrer Welt.
Doch damit war die Ordnung des Kosmos noch lange nicht vollständig.
Denn über allem erhob sich ein gewaltiger Baum.
Yggdrasil
Seine Äste reichen weit über die Welt.
Seine Wurzeln reichen in Bereiche, die selbst die Götter nicht vollständig beherrschen.
Yggdrasil – der Weltenbaum.
An ihm hängen die Schicksale der Welten.
Unter seinen Wurzeln liegen uralte Quellen.
An ihm leben Wesen, die einander bekämpfen.
Und an seinem Fuß sitzen drei Frauen.
Urðr. Verðandi. Skuld.
Die Nornen.
Vergangenheit.
Gegenwart.
Und das, was werden soll.
Sie bestimmen das Schicksal.
Nicht nur das der Menschen.
Auch das der Götter.
Denn selbst Odin kann seinem Schicksal nicht entkommen.
Das goldene Zeitalter
Eine Zeit lang herrscht Frieden.
Die Götter errichten ihre Hallen.
Sie schmieden Werkzeuge.
Sie spielen.
Gold besitzt kaum einen Wert, weil es im Überfluss vorhanden ist.
Es scheint, als könnte dieses Zeitalter niemals enden.
Doch dann erscheint etwas, das die Ordnung verändert.
Die Völuspá erzählt von einer geheimnisvollen Gestalt namens Gullveig.
Sie wird von den Göttern mit Speeren verwundet.
Dreimal wird sie verbrannt.
Und dreimal wird sie wiedergeboren.
Was genau Gullveig darstellt, gehört bis heute zu den großen Rätseln der nordischen Mythologie.
Doch nach ihrem Auftreten beginnt der erste große Krieg der Götter.
Asen gegen Wanen.
Die göttliche Ordnung bekommt ihren ersten Riss.
Und es wird nicht der letzte bleiben.
Der Schatten über Asgard
Von diesem Moment an bewegt sich die Geschichte langsam auf ein Ende zu.
Die Götter wissen es noch nicht.
Aber die Seherin weiß es.
Sie sieht Balders Tod.
Sie sieht Loki in Fesseln.
Sie sieht Fenrir.
Sie sieht die Midgardschlange.
Sie sieht Surtr aus dem Süden kommen.
Und sie sieht den Tag, an dem die Ordnung der Götter zerbrechen wird.
Ragnarök.
Der Untergang der Götter.
Wenn die Fesseln brechen
Es beginnt mit einem Winter.
Nicht einem gewöhnlichen Winter.
Drei Winter folgen aufeinander.
Ohne Sommer dazwischen.
Der Fimbulwinter.
Die menschliche Ordnung zerfällt.
Brüder kämpfen gegeneinander.
Familienbande verlieren ihre Bedeutung.
Die Welt versinkt im Chaos.
Dann beginnen die Fesseln zu brechen.
Fenrir kommt frei.
Die Midgardschlange erhebt sich aus dem Meer.
Loki kehrt zurück.
Und aus Muspelheim marschiert Surtr mit den Mächten des Feuers.
Heimdall hebt sein Horn.
Gjallarhorn erklingt.
Die Götter wissen, was dieses Signal bedeutet.
Der letzte Kampf hat begonnen.
Ragnarök
Odin zieht gegen Fenrir.
Thor stellt sich Jörmungandr entgegen.
Freyr kämpft gegen Surtr.
Tyr begegnet Garm.
Heimdall und Loki stehen einander gegenüber.
Und die Prophezeiung erfüllt sich.
Fenrir verschlingt Odin.
Doch Odins Sohn Víðarr rächt seinen Vater und tötet den Wolf.
Thor erschlägt die Midgardschlange.
Dann geht er neun Schritte.
Nur neun.
Das Gift Jörmungandrs befindet sich bereits in seinem Körper.
Thor fällt.
Freyr stirbt im Kampf gegen Surtr.
Tyr fällt.
Heimdall und Loki töten einander.
Und schließlich erhebt Surtr sein brennendes Schwert.
Feuer verschlingt die Welt.
Die Erde versinkt im Meer.
Die Welt der Götter ist untergegangen.
Doch die Seherin hört hier nicht auf.
Denn Ragnarök ist nicht das Ende.
Eine neue Welt
Aus dem Meer erhebt sich erneut eine Erde.
Grün.
Fruchtbar.
Lebendig.
Felder wachsen, obwohl niemand sie bestellt.
Einige der Götter kehren zurück.
Balder und Höðr begegnen einander wieder.
Auch die nächste Generation lebt weiter.
Víðarr.
Váli.
Magni.
Móði.
Und irgendwo in einem verborgenen Wald haben zwei Menschen den Untergang überlebt:
Líf und Lífþrasir.
Aus ihnen beginnt eine neue Menschheit.
Die Sonne selbst wurde verschlungen.
Doch auch sie hinterlässt eine Tochter.
Und diese Tochter nimmt den Weg ihrer Mutter über den neuen Himmel.
Das Licht kehrt zurück.
Ragnarök bedeutet nicht nur Untergang
Vielleicht liegt genau darin eine der stärksten Botschaften der Völuspá.
Die nordische Mythologie erzählt nicht von unsterblichen Göttern, die für immer über eine unveränderliche Welt herrschen.
Ihre Götter wissen, dass sie sterben werden.
Odin weiß, dass Fenrir auf ihn wartet.
Thor weiß, dass Jörmungandr sein Schicksal ist.
Und trotzdem treten sie zum Kampf an.
Nicht weil sie glauben, ihrem Schicksal entkommen zu können.
Sondern weil die Frage nicht nur lautet, ob man fällt.
Sondern wie man seinem Schicksal begegnet.
Und selbst nach Ragnarök bleibt die Welt nicht tot.
Etwas Neues entsteht.
Aus Zerstörung wird Neubeginn.
Aus Tod wird Leben.
Aus dem Ende wird wieder ein Anfang.
Vielleicht ist genau deshalb die Völuspá der richtige Ort, um unsere Reise durch die Edda zu beginnen.
Denn bevor wir Odin, Thor, Loki, Freyja, Tyr und all die anderen kennenlernen, verrät uns die Seherin bereits etwas Entscheidendes:
Wir kennen ihr Ende.
Jetzt müssen wir herausfinden, wie es dazu kam.
Die EDDA-Chroniken gehen weiter
Im nächsten Kapitel begegnen wir einem Odin, der wenig mit dem einfachen Bild des einäugigen Göttervaters zu tun hat.
Wir hören seine eigenen Worte.
Über Freundschaft und Feindschaft.
Über Vorsicht und Mut.
Über Liebe, Tod und Vergänglichkeit.
Und schließlich über den Preis, den Odin bereit war zu zahlen, um das Geheimnis der Runen zu erfahren.
Kapitel 2: Hávamál – Die Worte des Hohen.