EDDA-Chroniken· Kapitel 5

EDDA-Chroniken· Kapitel 5

Skírnismál – Die gefährliche Liebe des Freyr

Manchmal beginnt eine Geschichte mit einem Schwert.

Manchmal mit einem Krieg.

Und manchmal mit einem einzigen Blick.

Freyr, einer der mächtigsten Götter der Wanen, steigt auf Hliðskjálf.

Den Hochsitz, von dem aus man weit über die Welten schauen kann.

Er blickt nach Norden.

Dort sieht er einen Hof.

Und eine junge Frau.

Sie geht über den Hof ihres Vaters.

Als sie ihre Arme hebt, strahlt ein Licht von ihnen aus.

Ein Glanz, der Himmel und Meer erhellt.

Freyr sieht sie.

Und von diesem Augenblick an kann er sie nicht mehr vergessen.

Ihr Name ist Gerðr.

Und sie gehört zum Geschlecht der Riesen.


Der Gott, der nicht mehr spricht

Freyr kehrt zurück.

Doch er ist nicht mehr derselbe.

Er spricht kaum.

Er isst nicht richtig.

Er schläft schlecht.

Seine Gedanken kreisen nur noch um Gerðr.

Sein Vater Njörðr bemerkt die Veränderung.

Auch die anderen Götter erkennen, dass etwas nicht stimmt.

Doch niemand weiß, was geschehen ist.

Schließlich wird Skírnir, Freyrs Diener und Vertrauter, geschickt.

Er soll herausfinden, was den Gott bedrückt.

Skírnir spricht mit Freyr.

Und nach einigem Zögern gesteht dieser ihm, was geschehen ist.

Er hat eine Frau gesehen.

Eine Frau, deren Anblick ihn nicht mehr loslässt.

Doch zwischen ihnen liegen die Grenzen der göttlichen und riesischen Welt.

Und Freyr glaubt nicht, dass ihre Verbindung möglich ist.


Eine Reise in die Welt der Riesen

Skírnir erklärt sich bereit, zu Gerðr zu reisen.

Doch er stellt Bedingungen.

Er verlangt Freyrs Pferd.

Ein Pferd, das durch Feuer reiten kann.

Und er verlangt dessen Schwert.

Ein besonderes Schwert.

Eine Waffe, die von selbst kämpfen kann, wenn ein geeigneter Träger sie führt.

Freyr willigt ein.

Damit beginnt eine Entscheidung, deren Folgen weit über diese Liebesgeschichte hinausreichen werden.

Denn Freyr gibt seine außergewöhnliche Waffe aus der Hand.

Und eines Tages wird er sie brauchen.


Vor den Toren von Gymirs Hof

Skírnir reitet nach Norden.

Durch die Dunkelheit.

Durch gefährliche Gebiete.

Bis er den Hof erreicht, auf dem Gerðr lebt.

Dort versperren Hunde den Zugang.

Ein Hirte bewacht die Umgebung.

Skírnir fragt nach einem Weg hinein.

Doch der Hirte macht ihm wenig Hoffnung.

Die Tochter Gymirs sei nicht leicht zu erreichen.

Trotzdem reitet Skírnir weiter.

Schließlich hört Gerðr den Lärm.

Sie fragt ihre Dienerin, wer dort angekommen sei.

Der Fremde wird eingelassen.

Gerðr begegnet ihm.

Und Skírnir beginnt seine Botschaft.


Elf goldene Äpfel

Skírnir bietet Gerðr Geschenke an.

Zunächst elf goldene Äpfel.

Kostbare Gaben.

Doch Gerðr lehnt ab.

Sie will sie nicht.

Auch wenn sie schön sind.

Auch wenn sie wertvoll sind.

Sie will Freyr nicht zum Mann nehmen.

Skírnir versucht es erneut.

Diesmal bietet er den Ring Draupnir an.

Den Ring, von dem in jeder neunten Nacht acht weitere Ringe gleichen Gewichts entstehen.

Ein Geschenk von außergewöhnlichem Wert.

Doch Gerðr bleibt bei ihrer Entscheidung.

Sie braucht kein Gold.

Ihr Vater besitzt bereits genug davon.

Und sie wird Freyr nicht wegen eines Geschenks heiraten.


Wenn Geschenke nicht genügen

Bis hierhin könnte man die Geschichte für eine ungewöhnliche Brautwerbung halten.

Ein Gott verliebt sich.

Sein Diener reist zu der Frau.

Er bringt kostbare Geschenke.

Doch dann verändert sich der Ton.

Denn Skírnir akzeptiert Gerðrs Ablehnung nicht.

Er zieht das Schwert.

Er droht ihr.

Er spricht von Gewalt.

Von Tod.

Von schrecklichen Konsequenzen.

Gerðr lässt sich zunächst nicht einschüchtern.

Sie erklärt, dass sie niemals gezwungen werden könne, einen Mann zu lieben.

Doch Skírnir geht noch weiter.

Er greift zu einer anderen Form der Macht.

Zur Magie.


Der Fluch

Skírnir droht Gerðr mit einem Fluch.

Sie soll von allen verlassen werden.

Sie soll einsam leben.

Von Sehnsucht und Qual gepeinigt.

Sie soll keine Freude finden.

Keinen Frieden.

Keine erfüllte Liebe.

Er beschreibt ihr ein Schicksal, das schlimmer erscheinen soll als jede Ablehnung.

Und schließlich spricht er von Runen, mit denen er diesen Fluch bewirken will.

Es ist eine der unangenehmsten Szenen der Lieder-Edda.

Denn hier handelt kein romantischer Held.

Hier versucht ein Bote, den Willen einer Frau durch Drohungen zu brechen.

Und Gerðr steht vor einer Entscheidung, die unter diesen Umständen kaum noch frei genannt werden kann.


Neun Nächte

Schließlich erklärt Gerðr sich bereit, Freyr zu treffen.

In einem Hain namens Barri.

Nach neun Nächten.

Skírnir kehrt zurück.

Freyr wartet bereits.

Er will wissen, ob seine Botschaft Erfolg hatte.

Skírnir berichtet von der Vereinbarung.

Doch Freyr ist nicht glücklich.

Nicht wirklich.

Denn neun Nächte erscheinen ihm unerträglich lang.

Er klagt darüber, wie langsam die Zeit vergehen wird.

Und damit endet das Gedicht.

Nicht mit einer Hochzeit.

Nicht mit einem glücklichen Paar.

Sondern mit einem Gott, der auf eine Begegnung wartet.


Der Preis der Liebe

Freyr hat sein Schwert fortgegeben.

Eine Waffe, die ihn in zukünftigen Kämpfen hätte schützen können.

Das ist keine Kleinigkeit.

Denn wir wissen aus anderen nordischen Überlieferungen, dass Freyr bei Ragnarök gegen Surtr kämpfen wird.

Und dass er dabei unterliegt.

In der Prosa-Edda wird ausdrücklich ein Zusammenhang zwischen seinem fehlenden Schwert und seinem Schicksal hergestellt.

Die Entscheidung, Skírnir diese Waffe zu überlassen, bekommt dadurch eine tragische Bedeutung.

Freyr wollte Gerðr gewinnen.

Doch der Preis dafür könnte weit größer sein, als er in diesem Augenblick ahnt.


Ist das wirklich eine Liebesgeschichte?

Das Skírnismál wird häufig als Geschichte über die Liebe zwischen Freyr und Gerðr erzählt.

Doch wer den Text genauer betrachtet, entdeckt eine wesentlich düsterere Handlung.

Gerðr lehnt Freyrs Werbung wiederholt ab.

Erst Geschenke.

Dann Drohungen.

Schließlich ein Fluch.

Die Geschichte erzählt also nicht einfach von zwei Menschen, die trotz aller Hindernisse zueinanderfinden.

Sie erzählt auch von Macht.

Von Begehren.

Von Zwang.

Und von der Frage, wie weit jemand gehen darf, um zu bekommen, was er will.

Freyr selbst führt die Drohungen nicht aus.

Doch sein Diener handelt in seinem Auftrag.

Und Freyr profitiert von dessen Erfolg.


Was steht wirklich in der Edda?

Das Skírnismál ist eines der mythologischen Gedichte der Lieder-Edda.

Im Mittelpunkt stehen Freyrs Verlangen nach Gerðr und Skírnirs Reise zu ihr.

Der Text enthält sowohl Elemente einer Brautwerbung als auch eine ausführliche Droh- und Fluchrede.

In der Forschung wird darüber diskutiert, wie diese Geschichte ursprünglich verstanden wurde.

Einige Deutungen betonen die Verbindung zwischen Freyr als Fruchtbarkeitsgott und Gerðr als Gestalt aus dem Bereich der Riesen.

Andere beschäftigen sich mit den sozialen Vorstellungen von Ehe, Macht und Zwang.

Wichtig ist:

Die Vorstellung einer romantischen Liebesgeschichte ist nur eine mögliche moderne Lesart – und sie blendet wesentliche Teile des überlieferten Gedichts aus.

Die alten Quellen sind nicht immer angenehm.

Aber gerade deshalb sollten wir sie nicht beschönigen.


Was bleibt von Skírnismál?

Vielleicht ist die wichtigste Erkenntnis dieser Geschichte, dass selbst Götter nicht frei von menschlichen Schwächen sind.

Freyr ist mächtig.

Er besitzt Reichtum.

Er gehört zu den bedeutendsten Gottheiten.

Und trotzdem wird er von einem Gefühl beherrscht, das ihn beinahe handlungsunfähig macht.

Er begehrt etwas, das er nicht besitzen kann.

Und um es zu bekommen, gibt er etwas Kostbares auf.

Sein Schwert.

Seine Sicherheit.

Vielleicht sogar einen Teil seiner Zukunft.

Doch die Geschichte stellt noch eine andere Frage:

Kann Liebe entstehen, wenn ein Mensch keine wirkliche Wahl hat?

Eine Frage, die heute genauso wichtig ist wie damals.

Denn nicht jede Geschichte der Götter ist ein Vorbild.

Manche sind auch eine Warnung.


Im nächsten Kapitel der EDDA-Chroniken

Kapitel 6: Hárbarðsljóð – Als Thor sich mit Odin anlegte

Thor kommt von einer Reise zurück.

Vor ihm liegt ein Fjord.

Er braucht nur jemanden, der ihn ans andere Ufer bringt.

Doch der Fährmann weigert sich.

Stattdessen beginnt er, Thor zu beleidigen.

Ein Streit entsteht.

Voller Spott.

Voller Prahlerei.

Und voller Geschichten über die Götter.

Was Thor nicht weiß:

Der Fährmann ist Odin.