Vafþrúðnismál – Das Wissensduell mit dem Riesen
Odin besitzt Wissen, für das andere niemals den Preis zahlen würden.
Er gab ein Auge für einen Schluck aus Mímirs Brunnen.
Er hing neun Nächte verwundet an Yggdrasil.
Er kennt die Runen.
Er kennt Zauber.
Er kennt die Wege zwischen den Welten.
Doch für Odin gibt es einen gefährlichen Gedanken:
Dass irgendwo jemand etwas wissen könnte, das er nicht weiß.
Und so erfährt er von einem Riesen, dessen Wissen selbst unter den Jötnar außergewöhnlich sein soll.
Sein Name ist Vafþrúðnir.
Odin könnte ihm aus dem Weg gehen.
Natürlich tut er das nicht.
Er beschließt, ihn herauszufordern.
Nicht mit Gungnir.
Nicht mit einem Heer.
Nicht mit Gewalt.
Sondern mit Fragen.
Und dieses Mal könnte eine falsche Antwort Odin das Leben kosten.
Frigg warnt ihn
Bevor Odin aufbricht, spricht er mit Frigg.
Er erzählt ihr, dass er Vafþrúðnir besuchen will.
Frigg ist wenig begeistert.
Denn Vafþrúðnir ist kein gewöhnlicher Riese.
Sein Wissen gilt als gewaltig.
Sie würde Odin lieber zu Hause behalten.
Doch sie kennt ihren Gemahl.
Wenn Odin beschlossen hat, Wissen zu suchen, lässt er sich kaum davon abbringen.
Also wünscht Frigg ihm, dass sein Verstand ihn schützt.
Denn dort, wohin er geht, wird Stärke allein nichts nützen.
Odin macht sich auf den Weg.
Doch er betritt die Halle des Riesen nicht als Herrscher Asgards.
Er verbirgt seine Identität.
Wie so oft.
Der Fremde namens Gagnráðr
Vor Vafþrúðnir steht kein prächtig gekleideter Göttervater.
Odin nennt sich Gagnráðr.
Ein Wanderer.
Ein Fremder.
Ein Mann, der behauptet, gekommen zu sein, um die Weisheit des berühmten Riesen zu prüfen.
Das ist keine ungefährliche Vorstellung.
Denn in der Welt der Edda sind Wissensduelle keine gemütlichen Gespräche.
Wer sich auf einen solchen Wettstreit einlässt, setzt etwas aufs Spiel.
Vafþrúðnir nimmt die Herausforderung an.
Doch zunächst will er wissen, ob sein Besucher überhaupt würdig ist, ihm Fragen zu stellen.
Also beginnt der Riese.
Odin muss antworten.
Die ersten Fragen
Vafþrúðnir fragt nach den kosmischen Wegen.
Nach dem Pferd, das den Tag über den Himmel trägt.
Nach dem Ross der Nacht.
Nach dem Fluss, der zwischen den Welten verläuft.
Nach dem Ort, an dem die Mächte zum letzten Kampf aufeinandertreffen werden.
Odin antwortet.
Wieder.
Und wieder.
Und wieder.
Keine Frage bringt ihn zu Fall.
Der Riese erkennt:
Dieser Fremde ist kein gewöhnlicher Wanderer.
Er besitzt Wissen.
Viel Wissen.
Und damit verändert sich das Spiel.
Nun darf Odin fragen.
Woher kam die Welt?
Odin beginnt nicht mit belanglosen Dingen.
Er fragt nach den ältesten Geheimnissen des Kosmos.
Woher kam die Erde?
Woher der Himmel?
Vafþrúðnir kennt die Antwort.
Aus Ymirs Fleisch wurde die Erde.
Aus seinem Blut das Meer.
Aus seinen Knochen die Berge.
Aus seinem Schädel der Himmel.
Ein Motiv, dem wir bereits im ersten Kapitel unserer EDDA-Chroniken begegnet sind.
Doch Odin fragt weiter.
Woher kommen Mond und Sonne?
Woher stammen Tag und Nacht?
Woher kam der Winter?
Woher der Sommer?
Frage für Frage entsteht vor uns das Weltbild der nordischen Überlieferung.
Doch Odin sucht mehr als eine Erklärung der Gegenwart.
Er will zurück.
Immer weiter zurück.
Bis zu einer Zeit vor den Göttern.
Wer war der Erste?
Vafþrúðnir erzählt von den uralten Riesen.
Von Wesen, die existierten, bevor die bekannte Ordnung der Welt entstand.
Odin fragt nach Aurgelmir – einem Namen, der hier mit dem Urriesen verbunden wird, den andere Quellen Ymir nennen.
Er fragt nach dessen Herkunft.
Nach seinen Nachkommen.
Nach den Generationen der Riesen.
Und schließlich fragt Odin seinen Gegner etwas sehr Persönliches:
Was ist das Älteste, woran du dich selbst erinnern kannst?
Vafþrúðnir antwortet.
Unzählige Winter, bevor die Erde geschaffen wurde, sei Bergelmir geboren worden.
Der Riese erinnert sich an eine Welt, die für Menschen unvorstellbar alt ist.
Und langsam verstehen wir, warum Odin diesen Ort aufgesucht hat.
Vafþrúðnir besitzt nicht nur Wissen aus Erzählungen.
Er trägt Erinnerungen an die uralte Welt der Riesen in sich.
Zwei Arten von Wissen
Hier zeigt sich etwas Faszinierendes.
Odin und Vafþrúðnir verkörpern zwei unterschiedliche Zugänge zum Wissen.
Odin sucht.
Er sammelt.
Er reist.
Er opfert.
Er fragt.
Vafþrúðnir dagegen gehört zu einem Geschlecht, dessen Geschichte tiefer in die Vergangenheit reicht als die Ordnung der Asen.
Die Riesen sind in der nordischen Mythologie eben nicht einfach nur dumme Monster.
Einige von ihnen besitzen gewaltiges Wissen.
Manche kennen Geheimnisse, die selbst die Götter suchen.
Und genau deshalb spricht Odin mit ihnen.
Oder fordert sie heraus.
Was geschieht nach Ragnarök?
Dann verändert sich das Gespräch.
Die Fragen richten sich nicht mehr nur auf die Vergangenheit.
Odin will wissen, was noch kommen wird.
Er fragt nach Ragnarök.
Und Vafþrúðnir antwortet.
Er spricht vom Fimbulwinter.
Von der Zeit, in der die Welt zusammenbricht.
Doch Odin fragt:
Wer wird überleben?
Die Antwort lautet:
Líf und Lífþrasir.
Zwei Menschen werden sich verborgen halten und den Untergang überstehen.
Sie werden sich vom Morgentau ernähren.
Und aus ihnen wird eine neue Menschheit hervorgehen.
Damit bestätigt das Vafþrúðnismál einen Gedanken, den wir bereits aus der Völuspá kennen:
Ragnarök ist nicht das absolute Ende.
Die Welt stirbt.
Aber das Leben nicht.
Was geschieht mit der Sonne?
Auch die Sonne wird ihr Schicksal nicht vermeiden.
Der Wolf verschlingt sie.
Doch damit endet ihr Licht nicht für immer.
Denn sie hinterlässt eine Tochter.
Diese Tochter wird nach dem Tod ihrer Mutter deren Weg über den Himmel fortsetzen.
Wieder begegnet uns dasselbe Muster.
Untergang.
Und danach:
Erneuerung.
Die alte Ordnung vergeht.
Eine neue entsteht.
Welche Götter überleben?
Odin fragt weiter.
Welche Götter werden leben, wenn Surtrs Feuer erloschen ist?
Vafþrúðnir nennt Víðarr und Váli.
Odins Söhne.
Auch Móði und Magni, die Söhne Thors, werden überleben.
Und sie werden Mjölnir besitzen.
Der Hammer Thors verschwindet also nicht mit seinem Träger.
Er geht an die nächste Generation.
Ein mächtiges Bild:
Die Götter sterben.
Aber etwas von ihnen bleibt.
Ihre Kinder.
Ihre Taten.
Ihre Hinterlassenschaften.
Schon wieder begegnet uns damit ein Gedanke, den wir aus dem Hávamál kennen.
Niemand bleibt für immer.
Doch etwas kann weitergetragen werden.
Und was geschieht mit Odin?
Jetzt nähert sich das Wissensduell seinem gefährlichsten Punkt.
Odin fragt nach seinem eigenen Schicksal.
Wer wird ihn töten?
Vafþrúðnir kennt die Antwort.
Fenrir.
Der gewaltige Wolf wird Odin bei Ragnarök verschlingen.
Doch auch Fenrir wird nicht lange triumphieren.
Odins Sohn Víðarr wird seinen Vater rächen.
Damit geschieht etwas Bemerkenswertes.
Odin hört aus dem Mund eines Riesen die Bestätigung seines eigenen Todes.
Er weiß, was auf ihn wartet.
Er weiß sogar, wer ihn töten wird.
Und trotzdem versucht er nicht, dem letzten Kampf fernzubleiben.
Das Wissen verändert sein Schicksal nicht.
Es lässt ihn lediglich verstehen, was kommen wird.
Wissen bedeutet nicht Kontrolle
Vielleicht ist das eine der wichtigsten Ideen, die sich durch die nordischen Mythen zieht.
Odin sucht unaufhörlich nach Wissen.
Doch Wissen bedeutet nicht automatisch Macht über das Schicksal.
Er kennt Ragnarök.
Er kennt Fenrir.
Er weiß um den Tod Balders.
Er weiß, dass die Welt der Götter fallen wird.
Und trotzdem geschieht all das.
Odin kann das Schicksal erkennen.
Aber nicht einfach auslöschen.
Vielleicht ist gerade deshalb seine Suche so rastlos.
Wenn man das Ende nicht verhindern kann, möchte man es wenigstens verstehen.
Der Riese hält stand
Bis hierhin hat Vafþrúðnir jede Frage beantwortet.
Odin konnte ihn nicht bezwingen.
Noch nicht.
Also stellt der Wanderer eine letzte Frage.
Eine Frage über Balders Tod.
Doch diesmal fragt Odin nicht nach einer Prophezeiung.
Nicht nach der Vergangenheit der Riesen.
Nicht nach dem Aufbau des Kosmos.
Er fragt Vafþrúðnir:
Was flüsterte Odin seinem Sohn Balder ins Ohr, bevor Balder auf den Scheiterhaufen gelegt wurde?
Stille.
Denn darauf kann Vafþrúðnir keine Antwort kennen.
Es gibt nur einen, der sie kennt.
Derjenige, der die Worte gesprochen hat.
Und in diesem Augenblick versteht der Riese.
Du bist Odin
Der Fremde vor ihm ist nicht Gagnráðr.
Nicht irgendein Wanderer.
Nicht irgendein Mann, der seine Weisheit prüfen wollte.
Vor ihm steht Odin.
Vafþrúðnir erkennt, dass er verloren hat.
Nicht weil Odin jede Wahrheit des Universums besser kannte.
Sondern weil Odin das Wissensduell mit einer Frage beendet hat, deren Antwort ausschließlich in seinem eigenen Gedächtnis existiert.
Der Wettkampf ist entschieden.
Doch genau hier wird die Geschichte interessant.
Denn Odin gewinnt nicht einfach durch größeres Wissen.
Er gewinnt durch Klugheit.
Er versteht die Regeln.
Und er weiß, wann er aufhören muss, Wissen zu vergleichen und stattdessen eine Frage zu stellen, die sein Gegner unmöglich beantworten kann.
War das fair?
Nach heutigen Maßstäben könnte man darüber durchaus diskutieren.
Denn Odins letzte Frage ist keine normale Wissensfrage.
Sie ist eine Falle.
Vafþrúðnir hätte die Antwort niemals kennen können.
Aber gerade deshalb erzählt uns die Szene etwas Wichtiges über Odin.
Er ist nicht nur der Gott des Wissens.
Er ist auch ein Gott der List.
Odin spielt nicht immer fair.
Er will gewinnen.
Und wenn Wissen allein nicht genügt, nutzt er seinen Verstand.
Das macht ihn wesentlich komplizierter als das moderne Bild eines weisen, väterlichen Götterkönigs.
Odin ist Suchender.
Zauberer.
Krieger.
Dichter.
Täuscher.
Und manchmal Betrüger.
Weisheit und moralische Vollkommenheit sind in der Edda nicht dasselbe.
Was sagte Odin Balder wirklich?
Und nun kommt vielleicht der schönste Teil dieser Geschichte.
Wir erfahren es nicht.
Das Gedicht verrät uns nicht, was Odin seinem toten Sohn ins Ohr flüsterte.
Die Antwort bleibt bei Odin.
Seit Jahrhunderten wird darüber nachgedacht.
War es ein Abschied?
Ein Geheimnis?
Eine Prophezeiung?
Ein Trost?
Ein Versprechen?
Wir wissen es nicht.
Und genau deshalb funktioniert Odins letzte Frage noch heute.
Denn nicht nur Vafþrúðnir bleibt die Antwort verwehrt.
Auch uns.
Das Geheimnis stirbt nicht mit dem Riesen.
Es bleibt Teil der Geschichte.
Was steht wirklich in der Edda?
Das Vafþrúðnismál gehört zu den mythologischen Gedichten der Lieder-Edda und ist als Dialog aufgebaut.
Odin und Vafþrúðnir stellen einander Fragen über die Struktur des Kosmos, seine Vergangenheit und seine Zukunft.
Dabei liefert das Gedicht zahlreiche Informationen, die für unser heutiges Verständnis der nordischen Mythologie besonders wichtig sind.
Doch auch hier gilt:
Die nordische Mythologie besitzt kein einziges, vollständig widerspruchsfreies „Regelbuch“.
Verschiedene Texte können Namen, Abstammungen oder Ereignisse unterschiedlich darstellen.
So begegnet uns beispielsweise hier der Name Aurgelmir im Zusammenhang mit dem Urriesen, während wir aus anderen Überlieferungen vor allem den Namen Ymir kennen.
Solche Unterschiede sind kein Fehler, den wir korrigieren müssen.
Sie gehören zu einer Mythologie, die lange erzählt wurde, bevor die erhaltenen Texte niedergeschrieben wurden.
Für unsere EDDA-Chroniken bedeutet das:
Wir versuchen nicht, aus den alten Geschichten nachträglich ein modernes Fantasy-Universum mit starren Regeln zu machen.
Wir lassen ihre Widersprüche stehen.
Denn auch sie gehören zur Überlieferung.
Der Gott, der Fragen stellt
Vielleicht zeigt uns das Vafþrúðnismál Odin besser als viele Geschichten über Schlachten.
Der mächtigste Gott der Asen sitzt nicht einfach in Asgard und wartet darauf, dass die Wahrheit zu ihm kommt.
Er verlässt seine Halle.
Er verkleidet sich.
Er besucht einen Riesen.
Er setzt sich einem Risiko aus.
Und er fragt.
Immer wieder.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Weisheit dieser Geschichte.
Nicht alles zu wissen.
Sondern zu wissen, dass es noch etwas zu erfahren gibt.
Odin hat das Duell gewonnen.
Aber seine Suche ist noch lange nicht beendet.
Denn es gibt noch mehr zu verstehen.
Nicht nur über die Vergangenheit.
Nicht nur über Ragnarök.
Sondern über die Welten selbst.
Über Yggdrasil.
Über Asgard und Midgard.
Über die Hallen der Götter.
Über die Wesen, die zwischen den Welten leben.
Und wieder wird Odin aufbrechen.
Wieder unter einem anderen Namen.
Im nächsten Kapitel der EDDA-Chroniken
Kapitel 4: Grímnismál – Odin zwischen den Welten
Ein König begeht einen verhängnisvollen Fehler.
Ein unbekannter Wanderer wird gefangen genommen und zwischen zwei Feuer gesetzt.
Acht Nächte lang erhält er weder Nahrung noch Wasser.
Der Gefangene schweigt.
Bis er schließlich zu sprechen beginnt.
Und während der König noch glaubt, einen gewöhnlichen Fremden vor sich zu haben, offenbart dieser Stück für Stück den Aufbau der göttlichen Welt:
Yggdrasil. Die Hallen der Götter. Valhalla. Die Flüsse, Tiere und Wesen des Kosmos.
Und schließlich seinen eigenen Namen.
Odin.